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Vor langer Zeit - wir schrieben
noch das Jahr 2010 - fand sich eines Abends ein Häuflein seltsam
verkleideter Gestalten in einem dämmerigen Kellergewölbe an
Honnefs Bergstrasse zusammen. Das alte Gemäuer hatte im Laufe seiner
Jahrhunderte langen Lebens schon öfter ähnliche Szenen erlebt
und erwartete daher gelassen die weitere Entwicklung.
Vier ächzende Männer schleppten alsbald auf einer Bahre ein
weis verhangenes, lebloses Bündel herein. "Aha", dachte
sich das Gemäuer, "wieder mal ein Mord".
Aber das Gegenteil war der Fall: Sie versuchten da irgendetwas zu erwecken,
das sie "Bazillus Carnevalis" nannten. Nun verstand das Steingewölbe
durch seine früheren Besitzerinnen, die barfüssigen Nonnen,
etwas Latein und ihm war schnell klar, worin die ruchlose Tat diesmal
bestand. Mit Hilfe dieses Bazillus sollte offenbar eine Seuche in Bad
Honnef ausgestreut werden.
Man redete also auf das zunächst stille Bündel ein. Das regte
sich schließlich und verlangte lautstark nach rheinischem Manna,
sprich Kölsch, trug dann lustige Verse vor und veranlasste die
ganze Gesellschaft zu lautstarkem Gesang. Da erkannte das Gewölbe,
dass es sich hier ganz offenbar um einen fröhlichen und harmlosen
Bazillus handelte.
Da aber irrte das Gemäuer: fröhlich ja, doch harmlos keineswegs.
Unser Bazillus, mit bürgerlichem Namen Henricus Wilhelmus, um beim
Latein zu bleiben, war sich seiner Aufgabe bewusst. Da es medizinisch
als erwiesen gilt, dass beim Bützen die meisten Bazillen übertragen
werden - jedenfalls, wenn man es richtig macht - schnappte er sich sofort
die nächststehenden weiblichen Exemplare und machte sich flott
ans Werk. Verantwortungsbewusst, wie er nun einmal ist, dürfte
er inzwischen mit der weiblichen Belegschaft der Gesellschaft durch
sein. Sollte er wieder Erwarten, eine Dame vergessen haben, möge
sie jetzt reden oder für immer schweigen.
Klar, dass mit so einem Anschob, der Rest des Abends, also die Alaafs,
die Gesänge, das Geschunkel, nicht zu vergessen Gebütze und
Getränke sich weitgehend verselbständigten und die Gesellschaft
mutig in die Zukunft blickte und die hieß in diesem Fall: Marathon-Session.
Wie immer kam dann erst einmal
gar nichts, das heißt die stille Zeit, Advent, Weihnachten und
Silvester. Doch für unseren Bazillus war es die Ruhe vor dem Sturm.
Dann aber kamen die Starter-Fete und der Bazillus obenauf.
Dieses Mal konnte das Kellergewölbe
keinen Zweifel haben, um welche Art Veranstaltung es sich handelte,
denn vom ersten Augenblick an steppte da der Bär. Ein sicheres
Zeichen ist schon immer, wenn angekündigt ist: Beginn 20.00 Uhr,
Einlass 19.00 Uhr und man dann ab 18.30 Uhr kaum noch einen Stehplatz
findet. Wie auch immer man das werten will, mangelndes Interesse kann
es kaum sein.
Alle wollten sie dabei sein. Alle Tanzmädchen, alle Löstige,
alle Freunde - apropos Freunde: die stets getreuen Aegidienberger Klebehosen
(auf deutsch Kläv Botze) schickten uns wieder das Beste, was sie
hatten, also Prinz, Lieblichkeit Aegidia und das gesamte Gefolge. (Aegidia
übrigens mit ständig über 100.000 Volt). Wer bisher geglaubt
hatte, es wäre eng im Keller, der wurde gleich eines Besseren belehrt.
Denn jetzt erschien auch das Halt Pöler Dreigestirn, das ja für
sich allein schon ein bisschen Platz braucht und brachte noch Musik-Corps
und Stadtsoldaten mit. Und man kaufte ihnen gerne ab, dass sie ihr Kommen
als Besuch bei Freunden bezeichneten. Schließlich haben sie es
oft genug wiederholt. Dann drängten auch noch die Unkeler Hunnen
überfallartig herein, aber was will man von Hunnen auch anderes
erwarten. Überfall ist nun mal ihr zweites Ich, selbst, wenn sie
Grippe-geschwächt sind. Bald schon erklangen neben den zahlreichen
Alaaf-Rufen auch die schmissigen Kampf-Gesänge der Tollitäten,
die inzwischen nach einer langen Session bestimmt jedes Kind in Honnef
auswendig kann. Kein Wunder, bei den Ohrwürmern, die sie als Grundlage
genommen hatten. Von Plagiaten zu sprechen, verbietet sich von selbst
in diesem Zusammenhang. Der Bazillus hatte an diesem Abend nicht viel
Arbeit, die Seuche hatte sich verselbständigt. Ich ertappte ihn
allerdings einmal dabei, wie er die alte Mauer streichelte und ihr zuraunte:
"Du wirst doch jetzt nicht schlapp machen und aus deinen Grundmauern
platzen, komm wir stehen das zusammen durch." Und die Mauer flüsterte
zurück: "Gibst Du mir wenigstens ein Bützchen, schließlich
bin doch auch ein weibliches Wesen." Wie es ausging weiß
ich nicht, weil ich diskret wegschaute. Jedenfalls aber hat die Mauer
gehalten.
Und dann war er da, der Tag
der Tage. Oder besser noch, der Abend der Abende. Wir Löstige waren
zurück zu den Wurzeln und das hieß in diesem Falle, zurück
im Seminaris, zurück bei einem bodenständigen Programm, zurück
zur alten Fröhlichkeit. Und was das Schönste war, mit uns
war fast unsere ganze Clièntel wieder bei uns und es war auch
die echte, urwüchsige Stimmung der Vergangenheit wieder erstanden.
Man hatte wahrhaftig das Gefühl wieder zuhause zu sein.
Das lag beileibe nicht nur an dem sogenannten Ambiente, wo natürlich
die Zeit auch nicht stehen geblieben war, wie man besonders an den Preisen
im Foyer sehen konnte. Nein das lag auch - oder vor allem - am Programm.
Hier muss für unseren Literaten Dieter mal eine Lanze gebrochen
werden. Abgerundet, ausgewogen, geschmackvoll, kurzweilig, kurz alles
was das karnevalistische Herz so begehrt, das zeigte dieses Programm.
Und sogar die Kritiker - ach, was soll ich sagen - es gab keine. Wann
bitte, habe ich das zum letzten Mal erlebt. Dass die offizielle Presseresonanz
positiv war, ist üblich. Aber dieses Mal konnte man auch zwischen
den Zeilen lesen: gut gemacht, angekommen! Und die Älteren unter
uns werden sich noch erinnern: das war nicht immer so. Ich möchte
jetzt wirklich nicht alle Programmnummern würdigen. Nur die knusprigen
Mädels unserer Tanzgarde, den Augenschmaus in ihren barocken Uniformen
muss ich einfach hervorheben. Apropos Barock: Allmählich müssen
wir wohl aufhören die Gardemädels "Kinder"-Tanzkorp
zu nennen. Das passt barock, Verzeihung, optisch nicht mehr.
Nach diesem Fest lag uns
allen daran, dem Herrgott zu danken, dass er alles so gut geleitet hatte.
Und wie könnte man das besser tun als im Kostüm und in Mundart
und mit Herbert Breuer vorneweg. Das war doch allgemeinen Anliegens
in Honnef und weit darüber hinaus. Die Karnevalsgesellschaften
der Region waren trotz miesen Wetters vollzählig, die Kapellen
und Musikcorps schmetterten sakrale und profane Weisen, die Fasanenfederträger
wippten mit ihrem Federschmuck - und wie jedes Mal musste einer dies
wieder genau vor und auf meiner Nase tun. So hatte ich abwechselnd mit
heftigen Tränen der Freude und heftigem Niesreiz zu kämpfen.
Aber der liebe Gott wollte mich da wohl prüfen. Ich schaffte das
voll Ergebenheit, denn ein bisschen davon habe ich unserem Vorbild an
Ergebenheit, Herbert, inzwischen abgeschaut. Der machte das souverän
wieder wie immer und überall (überall deshalb, weil er inzwischen
wohl so etwas wie der Hoch- und Kölsch-Meister der ganzen Region
geworden ist). Und der Bazillus. Er war da, strahlte und sagte - nichts.
Aber in seinen Blicken war deutlich zu lesen: "Na, bitte!"
Die Damensitzung kann ich,
so gerne ich das täte, dieses Mal nicht kommentieren, da ich aufgrund
eines körperlichen Handicaps nur eine kurze Stippvisite leisten
konnte. Aber sicherlich findet sich noch eine Bazilla, die diesen Part
für die Annalen übernimmt.
Marktschau, wie immer kalt,
wie immer ganz langsam anfangend, wie immer: aber dann!
Tanzgarde auf Tanzgarde rollte an. Alle Farben waren vertreten. Kölsch
auf Kölsch rollte an und dazwischen gelegentlich auch etwas zum
Ölen. Denn wer kann denn schon dieses Kölsch dauernd so trocken
runterwürgen?
Es ging laut und es ging lange und es wird weitergehen. Nächstes
Jahr. Der Bazillus hatte viel zu tun, musste er doch überall sein
und fast überall gleichzeitig. Als er die Sache aber so richtig
in Schwung gebracht hatte, zog er sich stillvergnügt zurück
in das Gewölbe, wo er alsbald beabsichtigt, sich auf seinen Lorbeeren
auszuruhen, sprich sich von der geleisteten Arbeit müde wieder
auf seine Lagerstatt zu betten.
In diesem Sinne: Schlafe, Bazillus, schlaf ein. Und noch ein letztes,
gaaanz leises Alaaf!
Jochen Carsten (Senatspräsident)
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